Auf der Konferenz der American Academy of Audiology (AAA) 2026 in San Antonio, Texas, diskutierten führende Branchenvertreter über die Auswirkungen künstlicher Intelligenz, den drohenden Mangel an Audiologen und die dringende Notwendigkeit, Hörverlust als zentrales Gesundheitsproblem zu erkennen. Das vom Geschäftsführerin der Hearing Industries Association, Bridget Dobyan, moderierte Panel befasste sich mit den Herausforderungen und Chancen, die die Audiologie in der modernen Gesundheitsversorgung prägen.
Unter den Diskutierenden waren prominente Stimmen wie Nicholai Dessypris, Präsident von Sonova; Ty Lee, Präsident von Demant North America; Mikkel Knudsen, Präsident von ReSound US; Mike O’Neil, Präsident des US-Großhandels bei WSA; Kyle Acker, Vizepräsident des US-amerikanischen kommerziellen Vertriebs bei Starkey; und Patti Trautwein, AuD, MA, Vizepräsidentin für Marktzugang und klinische Angelegenheiten bei Cochlear Americas.
Die Diskussion thematisierte einen Wendepunkt in einem Sektor, der schnell vorankommende Technologien mit grundlegenden Herausforderungen hinsichtlich der Verfügbarkeit und Wahrnehmung des Berufsstands vereint. Während künstliche Intelligenz vielversprechende neue Wege für die Patientenerfahrung eröffnete, äußerten die Vertreter auch Besorgnis über die abnehmende Zahl an Audiologen und die anhaltende Vorstellung, dass Hörverlust primär ein Problem des Alterns sei. Dieses Spannungsfeld aus technologischem Fortschritt und beruflichen Herausforderungen bildete den Kern des Dialogs.
Ein Leitgedanke war die Notwendigkeit, die Erzählung rund um die Hörgesundheit zu verändern. Patti Trautwein von Cochlear Americas forderte einen direktiven klinischen Kommunikationsansatz, der das Bewusstsein für die Medikalisierung von Hörverlust anspricht. Die Teilnehmer erkannten auch die Dringlichkeit, Audiologie in den gesamten Gesundheitsversorgungskontext zu integrieren, um sicherzustellen, dass Patienten rechtzeitig behandelt werden.
Die Rolle der Künstlichen Intelligenz
Künstliche Intelligenz (KI) war ein zentrales Thema der Diskussion. Die Panel-Teilnehmer sahen KI als schon heute einsetzbares Werkzeug, das die Patientenreise vom ersten Kontakt bis zur Nachbetreuung prägen kann. Nicholai Dessypris betonte, dass Anbieter Technologie annehmen sollten, um die Effizienz in der Behandlung zu steigern. „Wir müssen KI über den gesamten Prozess der Patientenbetreuung hinweg nutzen“, sagte er.
Kyle Acker von Starkey erläuterte, wie KI klinische Ansätze von reaktiv auf proaktiv umstellen könnte, indem große Datensätze analysiert werden, um frühzeitig auf mögliche Probleme bei Patienten hinzuweisen. Auch in der täglichen Praxis könnten KI-gestützte Chatbots zur Verbesserung der Abläufe beitragen. Mike O’Neil berichtete von positiven Erfahrungen mit KI im Kundenservice, die die Schulungszeit für neue Mitarbeiter erheblich verkürzt haben.
Die Diskussionsteilnehmer sahen über die klinische Effizienz hinaus auch die Möglichkeit, das Verhältnis zwischen Patienten und Anbietern zu vertiefen. Integrierte Technologien könnten dazu beitragen, das Hörgerät stärker in den Alltag der Nutzer zu integrieren, was das Vertrauen in die Behandlung entsprechend stärkt.
Herausforderungen eines drohenden Talentmangels
Die besprochenen Themen umfassten auch den ansteigenden Mangel an qualifizierten Audiologen. Es herrscht Besorgnis über zu niedrige Absolventenzahlen, die nicht ausreichen, um die abgehenden Fachkräfte zu ersetzen. Ty Lee äußerte seine Sorgen über die Verfügbarkeit professioneller Anbieter, während Dessypris die Frage aufwarf, wie man gezielt mehr Nachwuchs in die Branche holen kann.
Damit die Branche ausreichend neue Talente gewinnen kann, sind umfassendere Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärungsmaßnahmen erforderlich. Mikkel Knudsen schlug vor, frühzeitig mit der Ansprache von Schülern zu beginnen, um das Interesse an einer Karriere in der Audiologie zu wecken.
Hörverlust als Gesundheitsgebot neu definieren
Ein zentrales Anliegen der Paneldiskussion war die Notwendigkeit, Hörverlust nicht isoliert als Altersproblem zu betrachten, sondern ihn als integrativen Bestandteil der öffentlichen Gesundheit zu positionieren. Trautwein äußerte Bedenken, wie Hörgesundheit im Vergleich zu anderen gesundheitlichen Prioritäten im System behandelt wird und appellierte an die Branche, eine stärkere Stimme zu finden.
Ein neues Verständnis in der medizinischen Kommunikation könnte dazu führen, dass Hörverlust ernster genommen wird. Acker hob hervor, dass Patienten mit Überweisungen von Ärzten eher bereit sind, sich behandeln zu lassen. Eine enge Zusammenarbeit mit anderen medizinischen Fachbereichen sei essenziell.
Abschließend skizzierte das Panel eine Zukunft, in der Patienten proaktiver und umfassender betreut werden. Lee prognostizierte, dass zukünftige Patienten jünger und besser informiert sein werden, was eine frühere Intervention zur Folge hat. Auch die Hörgeräte selbst unterliegen einer Evolution, wobei die Möglichkeit von „All-in-One“-Geräten im Vordergrund steht, die verschiedene Gesundheitsaspekte nahtlos verwalten. Diese Entwicklungen zeigen, dass die Technologie sich fortlaufend an den Bedürfnissen der Patienten orientieren muss.
Ausgewähltes Bild: Eine Gruppe von Vertretern der Hörgerätehersteller diskutierte auf der AAA 2026 über die Zukunft der Audiologie. Foto: Melanie Hamilton-Basich