Eine neue multizentrische Studie unter internationaler Leitung zeigt vielversprechende Ergebnisse zur Wiederherstellung des Hörvermögens durch Gentherapie, was potenziell präventive Maßnahmen gegen genetisch bedingten Hörverlust unterstützen könnte. Die Forschung, die an der Mass General Brigham und am Augen- und HNO-Krankenhaus der Fudan-Universität durchgeführt wurde, befasste sich mit dem OTOF-Gen und dessen Rolle bei der Wiederherstellung des Hörvermögens für etwa 90 % der Teilnehmer, wobei die Effekte bis zu 2,5 Jahre anhielten.
Die Studie konzentrierte sich auf die autosomal-rezessive Taubheit 9 (DFNB9), die durch Mutationen im OTOF-Gen verursacht wird. Dieses Gen ist für die Produktion von Otoferlin verantwortlich, einem Protein, das entscheidend für die Signalübertragung von Schallsignalen an das Gehirn ist. Mutationen im OTOF-Gen sind für 2 bis 8 % der Fälle von angeborenem Hörverlust verantwortlich.
„Es ist beeindruckend zu beobachten, wie Patienten von vollständiger Taubheit zur Fähigkeit zurückkehren, wieder zu hören“, kommentierte Zheng-Yi Chen, DPhil, assoziierter Wissenschaftler am Mass Eye and Ear. „Diese Rückkehr des Hörvermögens trägt für viele auch zur Entwicklung und Nutzung von Sprache bei.“
„Diese Ergebnisse belegen, dass eine Wiederherstellung des Hörvermögens sogar nach jahrelanger Taubheit möglich ist. Wir streben an, diesen Therapieansatz auf weitere genetische Ursachen von Hörverlust auszuweiten.“ — Yilai Shu, MD, PhD
Versuchsmethodik und Behandlung
Die Behandlung umfasste eine einmalige Injektion in das Innenohr, die einen harmlosen Adeno-assoziierten Virus (AAV) beinhaltet, um eine funktionsfähige Kopie des OTOF-Gens in die betroffenen Zellen zu liefern. An der Studie nahmen 42 Teilnehmer im Alter von 0,8 bis 32,3 Jahren an acht Standorten in China teil. Während 36 Teilnehmer behandelt wurden, erhielten sechs die Therapie an beiden Ohren. Das Forschungsteam begleitete die Probanden bis zu 2,5 Jahre, um Sicherheit, Wiederherstellung des Hörvermögens und Sprachkompetenz zu dokumentieren.
„Die Ergebnisse dieser multizentrischen Untersuchung bestätigen die Wirksamkeit unserer OTOF-Gentherapie“, so Yilai Shu. „Das Verfahren lässt sich im klinischen Umfeld leicht umsetzen, was eine konsistente Versorgung einer größeren Anzahl an Patienten ermöglicht.“
Wichtigste Erkenntnisse und klinische Implikationen
Die Studie ergab keine schwerwiegenden behandlungsbedingten Nebenwirkungen. Zu den zentralen Ergebnissen gehören:
- Ungefähr 90 % der Teilnehmer berichteten von einer Verbesserung des Hörvermögens auf dem behandelten Ohr, wobei die meisten innerhalb weniger Wochen eine spürbare Verbesserung erfuhren, die langanhaltend war.
- Mit der Wiedererlangung des Hörvermögens verbesserte sich auch das Sprachverständnis und die Sprachfähigkeiten der Teilnehmer.
- Besonders jüngere Kinder und solche mit gesünderen Innenohren zeigten die größten Fortschritte.
- Teilnehmer, die an beiden Ohren behandelt wurden, erzielten bessere Ergebnisse in Sprache und Sprachverständnis als jene, die nur an einem Ohr behandelt wurden.
- Bei zwei von drei erwachsenen Probanden kam es ebenfalls zu einer Wiederherstellung des Hörvermögens, wenn auch in geringerem Maß.
„Es ist ermutigend zu sehen, dass auch bei einigen erwachsenen Patienten signifikante Verbesserungen erreicht werden konnten“, betonte Chen. „Das lässt darauf schließen, dass das menschliche Hörsystem möglicherweise flexibler ist, als wir bislang angenommen hatten.“
Die Forscher vermerken, dass etwa 10 % der Teilnehmer nicht auf die Therapie reagierten. Es besteht die Absicht, die langfristige Nachverfolgung mit den Teilnehmenden fortzusetzen und wird darüber nachgedacht, eine Studie in den USA zu beginnen. Zudem wird die Möglichkeit untersucht, Gentherapien für andere Formen des genetischen Hörverlusts zu entwickeln.
„Die Ergebnisse zeigen, dass selbst nach vielen Jahren der Taubheit die Wiederherstellung des Hörvermögens möglich ist“, so Shu. „Wir widmen uns nun der Ausweitung dieses Ansatzes auf andere genetisch bedingte Ursachen des Hörverlusts.“